Ein Plädoyer für alte Tierheimhunde

"Gesegnet ist die Person,

 

die sich die Liebe eines alten Hundes verdient hat."

 

Sydney Jeanne Seward

 


Ich möchte hier eine Lanze brechen für die vielen alten Hunde, die in unseren Tierheimen immer wieder und teilweise schon viele Jahre auf ein neues Zuhause warten.

 

Natürlich ist es eine wunderbare Erfahrung, einen kleinen Welpen ins Haus zu holen, ihn zu lieben, zu erziehen, aufwachsen zu sehen und viele schöne Jahre gemeinsam verleben zu dürfen. 

Ich selbst habe mich vor knapp zwei Jahren mit meinem Fridolin auf dieses Abenteuer eingelassen und genieße es bis heute (auch wenn aus dem kleinen Welpen inzwischen ein ca. 45 kg schwerer und richtig großer Kerl geworden ist).

 

Aber die Liebe, das Vertrauen und die Dankbarkeit, die dir ein alter trauriger Tierheimhund schenkt (der nach einer Weile gar nicht mehr so alt, dafür aber fröhlich ist), ist mit nichts zu vergleichen und wärmt dein Herz noch lange, selbst wenn der Senior schon im Regenbogen-land ist.

Reinrassiger Berner Sennenhund

- 8 1/2 Jahre alt

- in schlechtem Allgemeinzustand von Besitzerin im Tierheim abgegeben

- nach einer Weile vermittelt

- in Garage gesperrt

- schließlich am Tierheimgitter ausgesetzt 

(der dumme Hund hat sich selbst mit einem Karabiner am Tor festgemacht - wie er das wohl mit seinen großen Pfoten geschafft hat?)

- sehr, sehr dünn

- Arthrose in den Hüften, HD

  Galgo - Mix - Hündin

  - mit ca. 13 Jahren im Wald gefunden

  - ausgesetzt? ! 

  - Kettennarben am Hals

  - verstümmeltes Gebiss, wie abgeschabt

  - extrem dünn

  - Tumor-Erkrankung nicht auszuschließen

  - sehr unglücklich im Tierheim


Ich hoffe sehr, dass niemanden, der diese Seiten liest, Schicksale wie Charly und Sina sie erdulden mussten, unberührt lassen.

 

Natürlich kann nicht jeder (alte) Hunde in unbegrenzter Zahl aufnehmen. Dem sind Grenzen gesetzt, klar.

 

Aber wie viele Hunde landen ab acht Monaten im Tierheim, wenn aus dem kleinen putzigen Welpen, der seinen Menschen auf Schritt und Tritt folgte ein pubertierender Junghund geworden ist, der seinen eigenen Kopf hat und seine Grenzen austestet?

 

Und weil der kleine, ach so süße Kerl, machen durfte was er wollte, ist er jetzt schwierig und wird abgeschoben.

 

Wie viele Tiere sitzen im Tierheim, weil sie - womöglich auch noch groß und dunkel - schwer zu vermitteln sind?

 

Und wie viele Tiere sitzen im Tierheim, weil der Hund lästig geworden ist und der Jahresurlaub so günstig wie möglich genossen werden will?

 

Niemand wird gezwungen, ein Tier bei sich aufzunehmen!

 

 

Einen alten Hund aufzunehmen hat viele Vorteile:

 

- er ist schon fertig, d.h. ich weiß, wen ich vor mir habe. Ich sehe, wie groß Hund ist und nach relativ kurzer Zeit ist auch sein Charakter keine Überraschung mehr, sofern ich mein Herz für ihn öffne.

 

- ab einem bestimmten Alter ist auch Erziehung kein großes Thema mehr. Sicher muss das neue Familienmitglied wie alle anderen bestimmte Regeln kennen und einhalten, aber es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich selbst ein alter Hund mit "unschöner" Vorgeschichte im neuen Umfeld anpasst.

 

- Pubertäres Verhalten hat ein alter Hund nicht mehr nötig. Er wird sein Wesen nicht mehr ändern, er ist wie er ist.

 

- hat er einmal Vertrauen gefasst, gibt er für seine Menschen alles, will einfach nur dabei sein, geliebt werden und Liebe schenken.

Charly war ein toller Hund!

 

Als er im August 2011 zu uns kam, war er so dünn und schlecht beieinander, dass wir dachten, wir könnten froh sein, wenn er den Winter übersteht.

 

Hunde haben ja ganz besondere "Antennen" und ich bin sicher, er spürte, dass wir es nur gut mit ihm meinten.

 

Mit Mirco klappte es anfangs gar nicht gut, Blut floss und die Verzweiflung war groß. Aber dank der großartigen Unterstützung von Barbara Gleixner bekamen wir die Situation in den Griff.

 

Nach etwa drei Monaten besuchte uns eine Tierheim-Mitarbeiterin, die sich viel um Charly gekümmert hatte. Wir rechneten mit einer stürmischen Begrüßung, aber mein alter Charly-Bär empfing sie wie er jeden Besucher begrüßte und setzte sich dann demonstrativ zu meinen Füßen, als wolle er sagen: "Schön, dass du mich besuchen kommst, aber hier ist mein Zuhause, hier sind meine Menschen."

Damit hatten wir nicht gerechnet.

 

Mit jedem Tag gewann Charly mehr Lebensfreude und seine Runden im Garten wurden immer weiträumiger und ausdauernder.

 

Plötzlich geschahen allerdings seltsame Dinge: Schuhe verschwanden, immer einzeln, und tauchten schließlich an den ungewöhlichsten Orten wieder auf. Unter dem Birnbaum z.B. oder im Wäldchen oder im Steingarten...

 

Tja, mein alter Berner liebte Schuhe. Er machte sie nie kaputt. Mit stolz geschwellter Brust und erhobener Rute trug er sie in sein Versteck - und spielte danach den Ahnungslosen.

 

Erwischten wir ihn, gab er seine "Beute" anstandslos zurück. Bis zum nächsten unbeobachteten Augenblick.

 

Anfangs fanden wir die Schuhe noch in o.g. Verstecken, mit der Zeit aber wurde Charly findiger. Ein Turnschuh tauchte erst nach vielen Wochen - leicht verwittert - wieder auf.

 

 

Aber böse sein konnten wir ihm nie. Wir räumten nur besser auf.

 

 

 

Spaziergänge liebte er. Aber nur, wenn alle dabei waren. Es dauerte lange bis ich auch alleine mit ihm spazieren gehen konnte. Und natürlich war er aufgrund seines Alters nicht mehr so ausdauernd wie unsere beiden "Kleinen".

 

Er hatte eine panische Angst zurückgelassen zu werden - ein Spiegel seiner grausigen Erfahrung, ausgesetzt worden zu sein. Er musste immer als erster ins Auto hüpfen, sonst drehte er durch.

 

An Leitplanken vorbeizugehen gelang nur mit viel gutem Zureden und noch mehr Leckerlis, war aber leider unvermeidlich auf unserer "Standard"- Spazierstrecke.

 

Auch im Haus hielt er es nicht lange aus. Zum Fressen und Aufwärmen (v.a. bei nass-kaltem Wetter), das ging, aber spätestens nach zwei Stunden wurde er unruhig und drängte nach draußen. Schade, denn manchmal war er sich selbst im Weg, wenn er eigentlich noch länger mit uns allen zusammen gewesen wäre und es doch nicht konnte.

 

Sein warmes Plätzchen, das wir ihm im offenen (!) Nebengebäude einrichteten, liebte er aber zum Glück auch.

 

Und da es ihm genug war, in unserer Nähe, in seinem Revier zu sein, brauchten wir uns auch keine Sorgen zu machen, er könne ausreißen.

 

Da wir etwas abgelegen wohnen, mit nur zwei Nachbarn, war es durchaus auch ein angenehmes Gefühl, dass ein großer eindrucksvoller Kerl unser Grundstück und des Nachts unseren Schlaf bewachte.

 

Unsere Katzen interessierten ihn nicht groß, störten ihn aber auch nicht.

Kurz mal schnuppern, wenn eine heimkommt oder an ihm vorbeigeht - und gut.

 

Charly bewachte das Grundstück und bellte laut, wenn sich jemand seinem Revier näherte. Besucher begrüßte er stets freundlich und im Vergleich zu unserer sehr stürmischen Nala recht unaufdringlich.

 

Kinder liebte er. 

 

 


Sina war - natürlich! - auch eine tolle Hündin, wobei für sie ein Zuhause als Einzelhund besser gewesen wäre.

Sie fürchtete sich vor den anderen Hunden, bellte laut und schrill, wenn Nala oder Mirco sich ihr näherten, Charly ihr (meist aus Versehen) zu nahe kam, und sogar der kleine Fridolin schreckte sie.

Wir vermuten, dass sie nie engeren Kontakt mit Artgenossen hatte oder vielleicht waren auch schlechte Erfahrungen die Ursache. Erzählen konnte sie es leider nicht.

 

Im Garten funktionierte es recht gut, aber zusammen mit den anderen in einem Raum, war schon arg anstrengend. Dabei ließen die anderen Sina sowieso in Ruhe.

Aber wir arrangierten uns, ließen nicht locker und mit der Zeit wurde es besser.

 

Unsere "Alte" war überhaupt extrem schreckhaft die erste Zeit. Schon ein Niesen oder Husten schreckte sie. Was muss der arme Hund erlebt haben! Aber auch das legte sich.

 

Anfangs hatte ich Sorge, sie könne (schließlich Jagdhund-Mix) meine Katzen als Beute sehen. Aber sie war nur neugierig. Die Miezen beunruhigten sie nicht.

Ganz im Gegenteil! Sina war knapp drei Wochen bei uns, als Kasimir seinen Unfall hatte. Und kümmerte sich. Ließ ihn an ihrer Seite liegen, gab ihm Sicherheit allein durch ihre ruhige Anwesenheit.

 

Sina liebte es, wenn ich in der Küche werkelte. Dann lag sie völlig entspannt auf ihrer Decke und selbst das laute Motorengeräusch der Küchenmaschine oder das Geklapper beim Brot backen oder Kochen störten sie nicht. Warm, sicher und nicht allein - wunderbar!

 

Sina war eine unaufdringliche Hündin, die es einem immer recht machen wollte.

 

Sie nahm alles wie es kam. Gehen wir spazieren? Schön. Gehen wir nicht spazieren? Auch gut.

Was gleichzeitig bedeutete, dass ich bei Spaziergängen verflixt aufpassen musste, dass sich mein altes Mädchen nicht übernahm.

Während Charly deutlich zeigte, wenn er eine Pause brauchte (ging langsamer, legte sich hin, wenn ich stehen blieb,..), marschierte Sina und marschierte und marschierte. Zu Pausen musste man sie regelrecht "zwingen". Und bei der kleinsten Bewegung (ein Blick, ein Zucken im Bein) sprang sie schon wieder hoch. 

 

Als Sina, kurz bevor sie starb, extremen Durchfall hatte, aber gleichzeitig nicht mehr aufstehen konnte, war ihr das furchtbar peinlich.

Beim ersten Mal schauten mich ihre dunklen Augen so voller Angst und Not an, dass mir allein davon schon flau im Magen wurde. Bei der zartesten Berührung zuckte sie zusammen.

 

Aber das Vertrauen siegte und so konnte ich unter ihr und sie selbst sauber machen, auch wenn ich dabei ihr Becken hochheben musste, was ihr bestimmt Schmerzen verursachte.

 

Der Blick der schönen dunklen Augen war erfüllt von Dankbarkeit und Ruhe.


Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein, wenn ich einen alten Hund bei mir aufnehme.

Oft ist nur wenig aus dem Leben des Seniors bekannt und ich muss mein Herz und meine Sinne weit öffnen um zu erfahren, wen ich da vor mir habe.

Das verlangt Liebe, Geduld und noch mehr Liebe.

Seine Macken erkennen und akzeptieren, denn wegtrainieren lassen sie sich meist nicht mehr.

 

Und - klar! - nicht alle alten Hunde lassen sich in eine neue Familie integrieren.

Es muss gut überlegt werden, je nachdem wie die Familiensituation sich darstellt.

 

Vielleicht stehen auch häufigere Tierarztbesuche an. Dies muss finanziert werden können.

 

Die gemeinsame Zeit ist begrenzt. Ich kann nicht von zehn und mehr gemeinsamen Jahren träumen.

Dafür aber umso wertvoller!


Zu sehen, wie ein alter geschundener Hund wieder die Freude am Leben entdeckt,

wie die müden traurigen Augen wieder zu strahlen beginnen,

wie der ausgemergelte Körper zur Ruhe kommt und vielleicht auch ein paar Gramm zulegt,

wie grenzenloses Vertrauen wächst und sich in jedem dankbaren Blick zeigt,

das ist das höchste Tierhalter - Glück, das nur ermessen kann wer es selbst erlebt hat.

 

Ich liebe alle meine Tiere, und in jedem ihrer Blicke sehe ich Vertrauen und Liebe und dass es ihnen gut geht.

Aber ein Hund, dem du im weitesten Sinne - oder tatsächlich - das Leben gerettet hast, der weiß, wie schrecklich ein Hundeleben sein kann, der blickt dich mit anderen Augen an. Bei seinem Blick vergisst du die Mühen, Sorgen und anfänglichen Ängste und zurück bleibt nur wahre Freude.

 

Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen den Mut haben, sich auf das Abenteuer "alter Tierheimhund" einzulassen. Es lohnt sich!

"Wir schenken unseren Hunden ein klein wenig Liebe und Zeit.

 

Dafür schenken sie uns restlos alles, was sie zu bieten haben.

 

Es ist zweifellos das beste Geschäft, was der Mensch je gemacht hat."

 

Roger Andrew Caras

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