Tierischer Lebenslauf Teil 2

Der erste Hund zieht ein

Im Sommer 1999 zogen wir in ein Haus mit großem eingezäunten Garten.

 

Nachdem alles an seinem Platz war und wir uns eingelebt hatten, tauchte immer öfter der Wunsch nach einem eigenen Hund auf.

 

Die Phasen, in denen ich nicht an einen Hund dachte, wurden immer kürzer.

 

Doch welcher Hund sollte es sein?

Rassehund oder Mischling? Rüde oder Hündin? Züchter oder Tierschutz? Alt oder jung? Groß oder klein?

Jede Menge Fragen. Vor allem, wenn man noch so gar keine Erfahrung hat und sich schließlich für hoffnungsvolle 15 Jahre festlegt.

Eines war bald klar: ein großer Hund sollte es sein; großer Garten -  großer Hund, das passt.

 

Wir fuhren ins Tierheim. Heute weiß ich, dass sich Hunde im Tierheim immer extremer verhalten als zuhause, aber damals erschreckte mich der Gedanke, einen dieser laut bellenden Hunde mitzunehmen. War auch irgendwie nichts Passendes dabei.

 

Wir wälzten den Tiermarkt in der örtlichen Presse, aber nichts sprach mich wirklich an.

 

Viele Welpen wurden angeboten. Ich war aber inzwischen zu der Einsicht gelangt, dass ich für die Erziehung eines so jungen Hundes noch nicht erfahren genug war, traute es mir schlichtweg nicht zu. Ungefähr ein halbes Jahr alt, wäre gut.

 

Für meinen Mann Christian stand eine 14-tägige Reise an und so ließen wir das Thema erst einmal ruhen.

 

Aber wenn "Möchtegern-Frauchen" so alleine zuhause ist und viel Zeit zum Nachdenken hat und dazu der "verlassene" große Garten, da kommt sie auf besondere Ideen. 

Liebevolle Hände mit Haus und Garten

suchen jungen Hund, z.B. Golden Retriever oder Labrador,

gerne aus dem Tierschutz.

Tel.:...

So in etwa lautete eine Zeitungsanzeige, die ich ins Deggendorfer Wochenblatt setzte.

Christian war bei Anzeigenannahme noch in der Toskana.

Die Anzeige erschien am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt.Tags zuvor war mein Mann heimgekommen und erstaunlicherweise nur wenig überrascht.

 

Es ist schon ziemlich aufregend, wenn man seinen Entschluss dann schwarz auf weiß in der Zeitung liest und die Möglichkeit besteht, dass nun doch bald ein Traum in Erfüllung geht.

Oder meldet sich vielleicht doch niemand?

Auf jeden Fall ließ ich das Telefon kaum aus den Augen.

 

Und tatsächlich. Nicht lange da klingelte es und es meldete sich Erna aus dem Tierschutz. Sie suche dringend einen Platz für einen ca. 2-jährigen Retrievermischling aus Vilshofen, der wegen Umzugs abgegeben werden soll. Er könne noch bis Samstag bei der Familie bleiben, dann käme er ins Tierheim.

Wir vereinbarten für den frühen Nachmittag einen Besuchstermin, Erna würde uns abholen.

 

Puh, war ich aufgeregt!

Der ein oder andere von euch weiß vielleicht, wie es ist, wenn man im Begriff ist, sich einen vielleicht bald eigenen Hund anzuschaffen.

 

Auch bei allen weiteren Tieren war ich sehr aufgeregt, aber kein Vergleich zu diesem Tag.

 

Ungeduldig warteten wir im Garten auf Erna, als plötzlich eine kleine zarte Gestalt in Pink um die Hausecke kam und nur erstaunt fragte: Ist das alles für ihn?

 

Erna, die wie ich später herausfand, in einem früheren Leben ein Hund gewesen sein muss, denn niemand ist mir seitdem begegnet, der Hunde so gut versteht und zu handeln weiß wie sie. Obwohl sie eine so zarte Person ist, kommt sie mit allen, wirklich allen Hunden klar, egal wie groß oder verstört sie sein mögen.

 

"Darf er ins Haus?", war ihre nächste Frage, die ich erst gar nicht verstand. Natürlich darf er ins Haus! Was soll ich mit einem Hund, der nur im Garten ist, schließlich will ich ihn ja um mich haben.

 

Aber Erna erklärte, dass Frisco eben nicht ins Haus durfte, sondern nur in seinem Zwinger bzw. in einem betonierten Hof wohnte.

 

So, nun will ich aber diesen Hund sehen.

 

Wir stiegen in Ernas Auto, Christian vorne und ich hinten und fuhren los.

Heute kann ich nicht mehr sagen, welche Gedanken mit während der Fahrt durch den Kopf gingen, aber es war eine ziemliche Achterbahn.

 

Wir parkten in besagtem Hof, sozusagen unterhalb einer Art Auffahrt.

 

Kaum ausgestiegen, sauste schon ein in meinen Augen riesengroßer rotbrauner zotteliger Hund auf uns zu und sprang erst an Erna, dann an uns hoch.

 

 

Er war extrem schmutzig und überall stand ihm das Winterfell in Büscheln ab (es war Juni!).

 

Erst war ich erschrocken, als er so an mir hochsprang, aber als ich ihn streichelte, legte er sich gleich auf den Rücken und ließ sich durchknuddeln.  

Schon ein süßer Kerl.

 

Frisco war auch ganz schön aufgeregt und lief immer wieder von einem zum anderen.

Dabei wurde klar, dass er praktisch gar nichts gelernt hatte. Er hörte weder auf seinen Namen noch kannte er das Kommando "Hier!" noch sonst etwas.

Das erschreckte mich. Würde ich Anfängerin das alles mit diesem großen Hund hinbekommen?

 

Christian blieb während des gesamten Besuches sehr gelassen. Er hat mehr Erfahrung und war einfach nur cool.

 

Zur Familie gehörte auch ein 5-jähriger Junge. Und als wir ins Haus gingen, um uns die Hände zu waschen, marschierte Frisco einfach hinterher.

 

"Darf der Hund mit rein?", kam der überraschte Ausruf des Buben.

Da war klar, Frisco war wirklich nur ein Zwingerhund. Wie schrecklich!

 

Schließlich verabschiedeten wir uns von

der Familie mit dem Versprechen, uns bald

zu melden und stiegen ins Auto.

 

"Warten wir noch einen Moment" meinte Erna, die Hundekennerin. Worauf?

 

Frisco kam angelaufen und schaute ins Auto. Nicht zu Erna, nicht zu Christian, nein zu mir. Als wüsste er, dass ich diejenige bin, die entscheidet.

 

Und was für ein Blick! 



Es wurde eine schlaflose Nacht.

 

Ständig, aber wirklich unaufhörlich schlich sich dieser Blick in mein Gehirn, wie ein Standbild blieb

es haften, ganz gleich wie viel ich mich in dieser Nacht hin- und herwälzte.

 

Unfassbar, wie tief sich so ein Hundeblick eingraben kann!

 

Und natürlich beschäftigten mich auch die Fragen:

Schaffen wir das mit diesem großen Hund, der noch so gar keine Erziehung genossen hat?

 

Klappt es auch mit dem Allein-sein während der Schule?

 

Können wir die Verantwortung für die nächsten 15 Jahre übernehmen?

 

Immer dieser Blick!

 

Ja, wir wollen und können!

 

Donnerstag früh aufgestanden - klar! Erst mal Kaffee!

 

Christian lachte: ihm war eigentlich gestern schon klar gewesen, dass ich nicht anders kann - und nach dieser Nacht erst recht nicht.

 

Schon am Vormittag rief ich bei der Familie an. Am kommenden Samstag würden wir unseren Frisco nach Hause holen!

 

Nicht zu fassen! Endlich mein eigener Hund! Wann ist Samstag?


 

Die Zeit bis Samstag verging aber wider Erwarten wie im Flug. Schließlich musste noch so viel besorgt werden:

 

- Hundenäpfe

- Decken und Körbchen

- Spielzeug

 

... und bedacht werden.

 

Futter, Leine, Halsband und sonstiges Zubehör übernahmen wir von den Vorbesitzern.

 

Ich weiß nicht, wer aufgeregter war am Samstag: der Hund oder ich.

 

Frisco stieg ohne zu zögern in unser Auto und während Christian fuhr, sorgte ich dafür, dass unser neues Familienmitglied nicht vor lauter Begeisterung vom Rücksitz springt.

 

Zuhause angekommen, konnte Frisco es gar nicht fassen: Überall grün und Bäume und Blumen und alles für ihn.

 

Das Wetter war traumhaft und wir blieben den ganzen Tag im Garten. Frisco kam kaum zur Ruhe (übrigens auch am nächsten Tag nicht wirklich), erkundete sein neues Revier, lief von einem Eck zum anderen, schaute zwischendurch immer nach uns und kam auch gleich mit ins Haus.

 

Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen. Für ihn und für uns.

Ein wunderbarer schöner Lebensabschnitt und der Beginn vieler aufregender Pfotenabenteuer (was ich aber zu diesem Zeitpunkt - zum Glück? - noch nicht ahnte).

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